Weißabgleich einstellen: Wann, wie, und wozu?

Unser menschliches Gehirn erkennt auch in ungünstigen Lichtverhältnissen, was „weiß“ ist. Eine digitale Kamera dagegen kann in bestimmten Situationen Probleme haben, die „richtige“ weiße Farbe zu definieren. Unschöne Farbstiche sind die Folge. Hier kommt der Weißabgleich ins Spiel. Wir zeigen Dir, wie Du selber den Weißabgleich einstellen kannst.

Welches „weiß“ richtig ist, erledigt das menschliche Gehirn automatisch. Genau so, wie es auch den blinden Punkt ausblendet oder wichtige Objekte vergrößert, gleicht es seine visuellen Eindrücke mit einem reichen Erfahrungsschatz ab und passt unsere Farbwahrnehmung an.
Die Kamera hat derartige Erfahrungen nicht. So können schonmal Fotos entstehen, wo der rötliche Sonnenuntergang einen Blaustich aufweist, oder, noch schlimmer, das Hochzeitskleid einen Grünstich hat.

Was ist ein Weißabgleich?

Normalerweise ermitteln Digitalkameras die Farbverhältnisse ihrer Umgebung über den Weißabgleich automatisch. In den meisten Fällen funktioniert das auch ganz gut.
Jedoch gibt es Situationen, die lichttechnisch schwierig sind, etwa bei mehreren verschiedenen Lichtquellen. Hier hat der automatische Weißabgleich Grenzen. Wer höhere Ansprüche hat, der kann aber nachhelfen und den Weißabgleich selber machen. Wie der Name schon vermuten lässt, teilt der manuelle Weißabgleich der Kamera mit, welche Farbe sie als „weiß“ betrachten soll. Genau genommen ist es sogar ein 18%iges Grau, was als Referenz dient.

Die Sache mit der Farbtemperatur

Die farbliche Zusammenstellung von Licht variiert je nach Lichtquelle und, im Fall der Sonne, nach Tageszeit. In der Fotografie wird die Färbung des Lichtes als „Farbtemperatur“ bezeichnet und in Kelvin gemessen. Die Farbtemperatur schwankt normalerweise zwischen 1.000 und 10.000K. Hierbei weist bläuliches Licht, obwohl es als kalt wahrgenommen wird, den höchsten Wert auf. Der Himmel hat in der „blauen Stunde“ vor dem Sonnenauf- und nach dem Sonnenuntergang 9.000-12.000K, nördliches Himmelslicht von einer unter dem Horizont stehenden Sonne, wie es im skandinavischen Sommer zu beobachten ist, hat sogar bis zu 27.000K. Am anderen Ende des Spektrums steht das stark rotstichige Licht einer Kerze mit nur 1.500K.

Automatischer und halbautomatischer Weißabgleich

Wie geht die Kamera mit diesen schwankenden Farbtemperaturen um? In der analogen Fotografie gab es getönte Vorsatzfilter, um Farbstiche auszugleichen. Auch gab es für Analogkameras unterschiedliche Aufnahmemedien, wie spezielle Kunstlichtfilme für unterschiedliche Lichtverhältnisse.
Die Digitalkamera versucht dagegen zunächst, sich automatisch auf ihre Umgebung einzustellen, indem sie große helle Flächen als neutralgrau oder weiß definiert. Dies nennt man den „automatischen Weißabgleich“. Wenn das Motiv tatsächlich große weiße oder neutralgraue Flächen aufweist, ist das Ergebnis ein relativ naturgetreues Foto. Was aber, wenn die größte helle Fläche im Bild ein hellgelbes Taxi oder eine rosa Blüte ist?

Neben dem vollautomatischen Weißabgleich bieten viele Kameras auch den halbautomatischen Weißabgleich. Dabei handelt es sich um Voreinstellungen, die je nach Aufnahmesituation vorgewählt werden können. Einige der gewöhnlichen Einstellungen sind Kunstlicht (3.000K), Sonnenlicht (5.200K – da Sonnenlicht neutral und weiß ist, steht es in der Mitte des Spektrums), Bewölkter Himmel (6.000K) und Schatten (8.000K).

Teure Kameras bieten außerdem die Möglichkeit der Weißabgleichsreihe, bei der mehrere Aufnahmen vom selben Motiv mit verschiedenen Voreinstellungen für den Weißabgleich aufgenommen werden.

Durch den automatischen und den halbautomatischen Weißabgleich können in vielen Situationen zufriedenstellende Ergebnisse erzeugt werden.

Selber Weißabgleich einstellen

Wenn es die Kamera erlaubt, kannst Du auch den Weißabgleich selber einstellen. Das ist recht einfach. Die einfachste und kostengünstigste Möglichkeit besteht darin, ein weißes Blatt zu verwenden. Je nach Kamera fotografierst Du es entweder ab und wählst es dann als Referenz, oder Du richtest die Linse auf das Blatt und definierst den Input direkt als „weiß“. Auch ist es möglich, ein weißes Taschentuch um die Linse zu spannen und diese auf die Lichtquelle zu richten. Bei zu hellem Licht wie bspw. direktem Sonnenlicht funktioniert diese Methode allerdings unter Umständen nicht richtig.

Fortgeschrittene Amateure und Profis verwenden eine spezielle Graukarte, die in einheitlichem 18%igem Neutralgrau gehalten ist. Bei schlechtem Licht kann dies allerdings zu dunkel sein, weshalb viele Graukarten für solche Fälle eine weiße Rückseite haben. Dieses Graukarten gibt es im Handel für kleines Geld. Wer beim Weißabgleich einstellen besonders exakte Ansprüche hat, der greift zu durchscheinenden Kunststoffkarten.

Einige teure Kameras bieten außerdem die Option, die Farbtemperatur manuell einzugeben. Dies kann hilfreich sein, wenn mehrere Kameras benutzt werden, oder wenn es, beispielsweise an einem Lagerfeuer, zu dunkel für einen aussagekräftigen Weißabgleich ist.

Welche Methode auch genutzt wird: sobald sich die Lichtsituation ändert, muss der Weißabgleich wiederholt werden, denn die automatische Angleichfunktion der Kamera ist nun deaktiviert. Wenn der Weißabgleich einmal vernachlässigt wurde, kannst du ihn auch im Nachhinein mit Software korrigieren. Manche Profifotografen stellen zu diesem Zweck eine Graukarte unauffällig in eine Ecke des Bildes. Später kann dieser Farbbereich dann dem Bildbearbeitungsprogramm als Referenz gezeigt werden.

Experimente mit dem Weißabgleich

Außer zum realistischen Wiedergeben von Farbverhältnissen eignet sich der Weißabgleich natürlich auch für kreative Experimente. Ein absichtlich falsch eingestellter Weißabgleich kann zu interessanten, künstlerischen Ergebnissen wie blauen Rosen oder einem grünen Himmel führen. Ob eine realistische oder eine absichtlich unrealistische Farbwiedergabe angestrebt wird: die Beschäftigung mit dem Weißabgleich ist also für jeden Fotografen lohnenswert.

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